Da ich bei meinen Eltern zu Besuch war und keine Lust mehr auf den alten, lahmen, höllenmäßig lauten Rechner meiner Mutter mehr hatte (ein Bigtower mit drei Festplatten, der das Zimmer locker um 2°C aufheizt - und ich muss dann da schlafen), überlegte ich mir spontan als Langeweilevertreibung für den letzten Montag "ich bau Mutti einen neuen Rechner".
Die Ziele für die Bastelei waren die folgenden:
- billig
- leise
- stromsparend
- alles am nächsten Tag vor Ort einkaufbar, keine Versender, keine Wartezeit, muss morgen abend fertig sein
Planung
Praktischerweise ist in der aktuellen c´t (c´t 2009, Heft 17, Seite 90ff.) gerade ein Artikel über 250€-Rechner im Eigenbau. Ein DVD-Laufwerk wird nicht benötigt, ebenso mag ich keine Seagate-Festplatten. Als OS kommt natürlich wie vorher Debian zu Einsatz, Tastatur, Maus und TFT sind vorhanden.
Ich mag generell AMD und ziehe leise und energiesparend vor, wenn die Intel-Alternative schnell und laut ist. Der Rechner wird für Surfen, E-Mail und Briefe schreiben eingesetzt, da ist schon der langsamste käufliche AMD-Prozessor gnadenlos überdimensioniert.
Grafikkarte onboard, das spart Strom, kost nix extra, macht keinen Krach und reicht locker aus.
So habe ich als erste Orientierung einfach mal den c´t-Vorschlag für das AMD-System übernommen:
- CPU: AMD Athlon X2 4850e (2,5 GHz, mit Kühler) (54€)
- Mainboard: Biostar A760G M2+ (Grafik: ATI Radon 3000) (48€)
- Speicher: 2x1 GB PC2-6400-555 (26€)
- Festplatte: 250GB SATA Seagate (39€)
- Gehäuse: egal, Noname, billigst (18€)
- Netzteil: Be Quiet! Pure Power 300 W (32€)
Das wären ca. 217€.
Umplanung
Sonntag abend ging es dann ins Internet, die hiesigen Läden abzuklappern, was man da wo finden kann.
Jeder Laden hat andere CPUs im Angebot und ganz ehrlich - ob ich nun 2,5 GHz (4850e) oder nur 2,1 GHz (4050e) nehme, den Unterschied merkt man beim geplanten Einsatzszenario nicht. Da der 4050e 10€ weniger als der 4850e kosten sollte, kam er schnell in die engere Wahl. Und wenn ich nur einen schnelleren (und teureren) 5050e bekommen hätte (2,6 GHz), hätte ich auch den genommen - dem bescheinigt die c´t trotz mehr Rechenleistung nämlich rund 1,5 Watt weniger Leistungsaufnahme.
Das Board gab's nirgends.
Mit der Suche nach dem idealen Mainboard kann man erfolglos mehrere Wochen verbringen, da muss man sich tief einwühlen, aber dazu hatte ich weder Lust noch Zeit. Also andersrum: Eckdaten festlegen (es muss ein entsprechender Prozessor draufpassen, es muss OnBoard-Grafik mit DVI-Ausgang drauf sein) und dann bei jedem Laden die Mainboards in der Preisklasse um 40€ durchklappern. Das ging dann erstaunlich schnell, da blieb tatsächlich nur noch eins übrig: Das Asrock N68PV-GS.
Bei Speicher lohnt es sich nicht, vorher zu gucken, da gibt es sowieso Tagespreise.
Festplatten gibt es überall, die Preisdifferenzen waren auch nur ein paar Euro. Seagate mag ich nicht (Merksatz: "Sea gate oder sea gate halt nicht"). Das Rausklamüsern, ob es sich nun um eine Platte mit genau einer Magnetscheibe handelt, habe ich mir gespart, das war in den Preislisten nicht zu erkennen. Außerdem sind die Festplatten-Namensgebungsschemata eh undurchsichtig. Also einfach die kleinste sinnvolle Größe (unter 250GB wird es unverhältnismäßg teuer) und meinen aktuellen Lieblingshersteller (Samsung) gewählt.
Beim Netzteil gab es a) nur die größere Variante (350 statt 300 Watt - total überdimensioniert) und b) die nächstgrößere Modellreihe (Straight Power statt Pure Power, da kommt dann ein in diesem Fall unnützer 12V-Anschluss für die Grafikkarte hinzu). Na gut, wenn's denn sein muss.
Somit sah die Liste Sonntag abend also so aus:
- CPU: 4050e, 4450e, 4850e, 5050e (35-55€)
- Mainboard: Asrock N68PV-GS (40€)
- Speicher: 2x1 GB PC2-6400-555 (26€?)
- Festplatte: 250GB SATA Seagate (36€)
- Gehäuse: egal, Noname, billigst (23€)
- Netzteil: Be Quiet! Straight Power 350 W (48€)
Beim Prozessor war der Preis nicht kalkulierbar, die Festplatte war inzwischen billiger als im c´t-Vorschlag. Mainboard auch billiger als geplant, Gehäuse habe ich erst ab 23€ gefunden. Netzteil leider deutlich teurer (ich hätte ja gerne das kleinere gehabt, aber wenn's das halt nirgendwo gibt...), Speicher mal mit dem c´t-Preis angesetzt. Neue Summe: 208-228€ - liegt also im Rahmen des ursprünglichen Plans.
Realität
Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Zum Glück liegen die Läden nah beieinander - da kann man, wenn man z.B. das Board gewechselt hat, schnell nochmal alle Läden nach dann passenden Prozessoren abklappern.
Ich war ja schon am Überlegen, ob ich nicht einfach eine der alten Festplatten weiterbenutze. Die Größe von 40 GB ist vollkommen ausreichend, aber die sind alt, vermutlich nicht besonders leise, noch IDE und bei "IBM Deathstar" laufen alle schreiend weg (hey, von den dreien meldet bisher nur eine Fehler im SMART - die anderen beiden sind noch top!). Als wir dann beim WÜhlen bei
SKYCOM von einem Verkäufer direkt angesprochen wurden und er mir keine passenden CPUs anbieten konnte, wollte ich nicht mit leeren Händen gehen und habe dann, weil sie dort am billigsten waren (na ja, irgendwer lag noch 9¢ drunter, aber egal), doch noch eine Festplatte mitgenommen. Damit konnte ich endlich aufhören, über die "neue Platte ja/nein"-Frage nachzudenken.
Aber ich darf mich nicht immer von Verkäufern überrumpeln lassen!
Die tollen, stromsparenden AMD-Prozessoren mit 45W TDP sind Auslaufmodelle. In sechs besuchten Läden war nicht ein einziger 4x50e, geschweige denn ein 5050e zu bekommen - auch, wenn die ausliegenden Preislisten frisch am gleichen Tag gedruckt waren und den Prozessor noch führten. Damals, als ich meinen Server zusammengebaut habe, gab es diese Prozessoren noch nicht (sie waren offiziell erschienen, aber noch nicht zu bekommen), jetzt sind sie schon wieder vom Markt (teilweise noch gelistet, aber praktisch nicht mehr verfügbar). Keine Ahnung, warum AMD die vom Markt nimmt, gut scheinen sie zu sein, denn die Läden hätten gerne welche verkauft, wenn sie nur welche hätten ("Ich hätte diese Woche schon 5 Stück verkaufen können, sie sind nicht der erste, der fragt." Und das am Montag.)
Ein Laden bot mir einen neuen "240" an - das klang gut (wenn es schon 65W TDP sein müssen, dann kann ich statt dem alten 5400+ auch ein aktuelles Modell nehmen, das wird durch das neue Design schon nochmal sparsamer sein), lag preislich im Rahmen und passte auch aufs Board. Als ich mir das genau überlegt hatte (und alle anderen Läden erfolglos abgegrast hatte) und nun das zweite mal am Tresen stand, hieß es dann: "Ja, wie, mitnehmen? Hab ich, vergessen das zu sagen? Die kommen erst im Laufe des Nachmittages." Da ich am Nachmittag aber schon geschraubt haben wollte, immerhin wollte ich ja bis abends ein komplett funktionierendes System einrichten, ließ ich den noch-nicht-vorhandenen 240 dann auch links liegen. Stundenlang unbestimmt warten ging nicht. Andere Läden hatten auch keinen 240, minimal einen 260, aber das war preislich schon wieder ganz anders.
So wurde es dann ein ganz profaner Athlon 5000+ EE von
MC. Da habe ich mir übrigens auch das Netzteil besorgt.
Der Rest kommt von
rocketPC. Der Laden war mir absolut neu. Er tut sich im Vergleich zu den anderen Läden durch Verkäufer hervor, die von sich aus auf die Kunden zugehen, und ihnen Sachen vorschlagen/aufdrängen, was in meinem Fall hervorragend funktioniert hat (aber nicht so überfallsartig wie bei SKYCOM, ich war jetzt gewappnet - hier haben sie mich mit Argumenten geködert). Außerdem geben sie offen zu, dass sie mit ihren Preisen den Rest der
Silicon Alley unterbieten wollen - was wohl auch klappt. Weiterer Pluspunkt: sie haben echte Billiggehäuse von ihrer eigenen Hausmarke.
Hier habe ich mir also gleich mal ein Gehäuse geschnappt. Außer Board, Netzteil und Festplatte kommt da ja nichts rein, das Gehäuse war echt egal. Rot/schwarz sah sogar ansprechend aus. Also zugreifen.
Das gesuchte Mainboard hatten sie nicht, "aber schaun sie mal, das hier ist ganz ähnlich". Stimmt: Auch ein Asrock (halt ein anderes), auch mit Onboard-Grafik, auch mit DVI-Ausgang. Und 1€ billiger als das eigentlich geplante Board im Laden nebenan. Damit waren alle meine gesteckten Kriterien zur Boardauswahl erfüllt und es bekam den Zuschlag.
Speicher war irgendwie überall teurer als im c´t-Beispiel: 2x1GB DDR2 800 hätten um die 40€ gelegen, aber nicht bei 26€. Hier wurde mir nun vorgeschlagen, statt 1x2GB statt 2x1GB zu nehmen. Das sei dann zwar nur SingleChannel, aber die gefühlten Unterschiede wären nicht so groß. Stimmt. Bei Surfen und Mailen fällt das bestimmt nicht auf. Also zugeschlagen. (Warum sagt das BIOS 266 MHz, memtest86+ 200 MHz und die Rechnung 800? Irgendwas passt da doch nicht! Speicherkauf ist Schwarzmagie, ich habe ja sowas von keine Ahnung davon...)
Den Vorschlag, 4 statt 2 GB zu nehmen, habe ich dann mit dem Hinweis auf "nur Surfen und Mailen" erfolgreich abgebogeb ("aber sind doch nur ein paar Euro mehr!").
Endergebnis:
- CPU: AMD AM2 X2 Athlon 5000 EE+ (53,80€)
- Mainboard: Asrock ALiveNF7G-GLAN (38,90€)
- Speicher: takeMS 2048 MB DDR2 800 CL5 (20,90€)
- Festplatte: Samsung 250GB 16MB S-ATA II (35,99€)
- Gehäuse: Straight rocket V3 red ATX (18,90€)
- Netzteil: Be Quiet! Staight Power E6-350 (47,90€)
Summe: 216,39€. Wenn das mal keine Punktlandung ist!
Der Aufbau
...gestaltete sich total unkompliziert. 45 Minuten auf der Terasse in der Sonne geschraubt, nebenbei Mittag gegessen. Ich brauchte einen Schraubendreher, der Rest ging so.
Pro-Tipp: Erst die Connector-Blende in das Gehäuse stecken, dann das Board einbauen. Sonst baut man das Board nochmal wieder aus, um das nachzuholen.
Installation
Ausnahmeweise habe ich mal nicht über
debootstrap aus einem existierenden System installiert, sondern wollte den Debian-Installer über USB benutzen (zu faul, den alten Rechner zu zerlegen und da die Platte auszubauen). Problem: es waren nur USB2.0-Sticks im Haus, die aber an dem einzigen Linux-PC (dem besagten alten meiner Mutter) rumgezickt haben. Ich habe also den Installer nicht auf den Stick bekommen. Mit einem der verfügbaren Windows-Systeme wollte ich mich nicht rumschlagen, denn da muss man ja für sowas grundlegendes wie
dd erstmal wieder Spezialsoftware runterladen.
Aber halt! Ein USB-Gerät gibt's das definitiv an Muttis Rechner geht!
Und so geschah es, dass ich den Debian Installer von meiner Pentax K10D gebootet habe.
Digitalkamera zur Linuxinstallation - yay!
Im Wesentlichen habe ich danach dann die Paketliste des alten auf das neue System übertragen und /etc, /var und /home per
tar c | ssh "cd; tar x" auf den neuen Rechner geschoben. Das war alles vollkommen problemlos, nur der Sound hat etwas gedauert.
aumix kommt über die OSS-Emulation nicht an alle Mixerkanäle dran. Als ich es dann mal mit
alsamixer probiert hatte, konnte ich auch endlich LineOut hochregeln.
Fertig
System up and running. Total geil! Der Rechner ist angenehm leise. Er ist rot. Und er steht 15 Sekunden nach dem Einschalten bereits im KDM-Anmeldeschirm. Der alte Rechner fing zu dem Zeitpunkt noch nicht mal an, seine SCSI-Karten nach Geräten abzutelefonieren...
(Der neue Rechner bootet echt schnell: Bis das TFT merkt, dass ein Signal anliegt und ein Bild anzeigt, ist der BIOS-Screen schon wieder weg und GRUB fängt an, seine drei Sekunden runterzuzählen. (Ja, meine erste GRUB-Installation. Der Debian-Installer hat gar nicht gefragt, ob ich vielleicht LILO will. Na ja, irgendwann muss ich ja mal was neues lernen. Doof finde ich an GRUB schonmal, dass man die Defaultauswahl des Kernels abzählen muss. Was ist, wenn sich die Reihenfolge der Kerneleinträge ändert? Bei LILO wählt man den Default anhand des angezeigten Namens.))
Die Festplatte rennt wie geschmiert, das System nutzt AHCI und NCQ (obwohl ersteres eigentlich im BIOS aus- und stattdessen "IDE legacy" angeschaltet ist).
bonnie++ vermeldet über beim 100MB/s Lesen und Schreiben.
Nach dem Aktivieren einer speziellen BIOS-Einstellung, die versucht, das System auf 45°C zu halten, läuft der CPU-Lüfter jetzt auf 1900 statt 2200 RPM - damit wurde die Kiste nochmal leiser. Jetzt hört man doch wieder die Festplatte :-)
Normalerweise idlet das System bei 37°C vor sich hin - ich glaube nicht, dass die 45°C jemals erreicht werden. Ganz vielleicht werde ich die Wunschtemperatur mal auf 50°C hochstellen.
Und ganz großes Kino: Gut, dass ich das ursprünglich geplante Biostar-Board nicht bekommen habe. ATI-Grafik unter Linux ist ja nachweislich Müll durch die mistige Treibersituation (ich kenne das von meinem IBM T43 und habe auch anderweitig nichts gutes gehört). War mir anfangs egal, 3D und TV-Out entsprachen eh nicht den Nutzungsschema.
Jetzt habe ich einen NVidia-Chip auf dem Board. Der proprietäre Treiber kann unter Debian direkt installiert werden. Auch der Eigenbau der Module für einen selbstgebauten Kernel passiert quasi von alleine. Das funktioniert einfach! Die Kiste macht aus dem Handgelenk mit der Onboard-Karte schnellere 3D-Grafik, als ich je in einem meiner Rechner gehabt habe.
Habe jetzt erstmal Compiz eingeschaltet, die ganze Power muss ja für irgendwas gut sein :-)
Alles in allem gefällt mir der Rechner. Ich glaube, ich könnte sowas auch gebrauchen. 3D ist ganz nett, wenn man es mal braucht (z.B. für
stellarium), der kleinste momentan sinnvolle verfügbare Prozessor ist schneller als alles, was ich bisher verbaut habe (ausgenutzt wird der wohl erst, wenn ich mal wieder zu Besuch bin, Fotos gemacht habe und den RAW-Konverter anschmeiße) und das ganze ist noch angenehm leise (mein hiesiger T43 in der Dockingstation unterm Schreibtisch macht mehr Krach - und hat definitiv weniger Power).
Eine Stromverbrauchsmessung (insbesondere im Vergleich zu der alten Höllenmaschine) kommt, sobald wir das Messgerät wiedergefunden haben.